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Lehrstuhl und Institut für Wohnbau und Grundlagen
des Entwerfens - Univ.-Prof. ir. Wim van den Bergh

Schinkelstrasse 1, 52062 Aachen
T: +49 241 8095009,
mail@wohnbau.arch.rwth-aachen.de

Impressum

https://wohnbau.arch.rwth-aachen.de:443/files/gimgs/th-212_FM - László Moholy-Nagy Balkon-2.jpg

Instrumente der Architektur - Freisitz

Forschungsmodul

Anerkennung: 3 CP

Termine

Betreuung: in Absprache montags oder dienstags

Ausgabe: Di. 22.10.2019 11h00 | Seminarraum R311
Zwischenabgabe: Di. 10.12.2019 10h00 | Seminarraum R311
Abgabe: Di. 10.02.2020 10h00 | Seminarraum R311

Lehrende

Lehrstuhl für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens - Prof. ir. Wim van den Bergh,
Wjatscheslaw Brum, M.Sc. RWTH

Aufgabe

Innerhalb des Forschungsfelds "Instrumente der Architektur" werden wir nun - nach der
Treppe, dem Fenster und der Feuerstelle den Freisitz als Komponente in der
Architektur erforschen. In Form von Balkonen, Loggien und Terrassen ist der Freisitz
das räumliche Gegenüber dem allseitig umschlossenen Raum einer Wohnung und
bedient im modernen Wohnungsbau die menschliche Sehnsucht nach Licht, Luft und
Sonne.

Der Freisitz ist eine Komponente, die das Innen mit dem Aussen, d.h. die künstlich
geschaffene mit der natürlichen Umwelt in den jeweiligen Geschossen direkt verbindet
und erweitert. In Anbetracht des Grundbedürfnisses dient ein Freisitz im
Geschosswohnbau zur Steigerung der Wohnungsqualität und des Nutzwertes und ist in
letzter Konsequenz auf dem Wohnungsmarkt ein Marketing- und Verkaufsargument. In
einer Forschungsarbeit der TU München gaben nur 5% der befragten
Wohnungssuchenden an, dass sie eine Wohnung ohne Balkon kaufen würden.
Dennoch reicht die Bereitstellung von Licht, Luft und Sonne auf der Etage nicht aus, da
der Freiraum kein adäquater Ersatz zum Aufenthalt im Grünen ist. Der Freisitz hat im
Geschosswohnungsbau seine eigenen Qualitäten und wird mit zunehmender Dichte des
urbanen Umfelds und der schwereren Erreichbarkeit der freien Natur wichtiger im
umbauten Raum.

Die strikte Unterscheidung zwischen dem Wohnen und der sogenannten Erwerbsarbeit
ist eine relativ junge Entwicklung. Seit der industriellen Revolution ist die Wohnung
mit ihren Freibereichen ein Ort dessen Funktion zum ausschliesslichem Wohnen und
Erholen genutzt wird, wobei der heutige Trend zum arbeiten im „home office“ das
Arbeiten mit dem Wohnen wieder verschmelzen lässt.

Während der gründerzeitliche Wohnblock seine repräsentative Vorderseite zum
Stadtraum hatte, war der Blockinnenraum wenig mit Gestaltung bedacht. Somit bot
diese Rückseite einen Freiraum für die intime und private Seite des Wohnens und war
ein Vielzweckraum des Alltags. Dem ständigem wechselnden Gebrauch unterzogen
wurde dieser zum Beispiel zum Wäsche trocknen, als Abstellraum oder als Werkstatt
genutzt.

Mit Auflösung des gründerzeitlichen geschlossenen Blocks zu einer offenen Bauweise
in der Moderne verliert der Block seine Vorder- und Rückseite und dadurch die intime
zu den Höfen und Blockinnenräumen zugewandte Seite. Damit rückt der Freisitz in
Form von Balkonen, Loggien oder Terrassen neben Treppenhäuser als ein Gliederungs- und Gestaltungselement der Fassade in den Vordergrund. Die Zuordnung im Grundriss,
die Raumqualität sowie deren Funktion und Form musste überdacht und neu definiert
werden.

Alle heutigen Formen des Freisitzes haben historische Vorläufer, die bei gleicher
architektonischer Form andere Aufgaben und Funktionen inne hatten. Diese Aufgaben
und Funktionen haben sich im Lauf der Zeit verschoben oder sind mit anderen
verschmolzen , weshalb sie für eine Typologische Untersuchung für uns interessant
sind.

Ziel

Ziel des Forschungsmodus ist es die Qualitäten und Potenziale von Freisitzen und ihre
Bedeutung im Geschosswohnungsbauten aufzuzeigen und in einem Sammelband an
exemplarischen Beispielen als ein Nachschlagewerk zu bündeln.

Methode

Jeder Studierende analysiert ein Projekt / eine Typologie / Architekten / Gebäudetyp im
Hinblick auf den privaten Außenraum. Dabei soll eine konkrete Analyse der
Entstehungsgeschichte mit Aufgaben und Funktionen des „Extra Raum“ als auch die
Veränderung zur heutigen Funktion und Wirkung erforscht werden.
Wesentliche Kriterien für die Qualität des wohnungsbezogenen Außenraum können
sein:

– Zuschnitt und Möblierbarkeit
– Freiraumcharakter und Besonnung
– Windschutz und Privatheit
– Wirkung auf den Innenraum
– Aussicht
– Ausrichtung
– Lichteinfall
– Sichtschutz und Abtrennbarkeit Nachbarn / Passanten
– Maße
– Verbindung zum Innenraum
– Erweiterbarkeit
– Gesetzeslage
– Schwelle / Übergang
– Materialien
– Brüstung
– usw.

Mit Hilfe von 1:1 bzw. 1:5 Modellen, Grundrissen, Schnitten, Detailzeichnungen mit
Aussagen zur Konstruktion wollen wir die Intelligenz der Projekte erforschen.
Zusätzlich soll zu der zeichnerischen Analyse die Entstehungsgeschichte der Typologie,
sowie ein Kurztext verfasst werden, der die wichtigsten Bestandteile eurer
Untersuchung beinhaltet. Die Erkenntnisse der Forschung sollen uns helfen eine
architektonische Haltung und neue Fragestellungen zu wohnungsbezogenen
Außenräumen zu definieren.