Wohnbau Logo

Lehrstuhl und Institut für Wohnbau und Grundlagen
des Entwerfens - Univ.-Prof. ir. Wim van den Bergh

Schinkelstrasse 1, 52062 Aachen
T: +49 241 8095009,
mail@wohnbau.arch.rwth-aachen.de

Impressum

http://wohnbau.arch.rwth-aachen.de/files/gimgs/th-58_M1-Bewohnen.jpg

M1 - Bewohnen - Domizil für einen Protagonisten

Termine

Betreuungen: Donnerstags 14h00

Donnerstag, 10.04.2014, Ausgabe 10h00
Dienstag, 20.05.2014, Kolloquium 1 10h00
Dienstag, 01.07.2014, Kolloquium 2 10h00
Mittwoch, 06.08.2014, Kolloquium 3 10h00
Dienstag, 26.08.2014, Abgabe M1 10h00

Anerkennung: 12 CP

Teilnehmer: 12 Plätze

Lehrende

ir. Mark Proosten

Aufgabe

„Das Domizil ist ein Ausdruck des Charakters der Bewohner und ihrer außergewöhnlichen Formen des Lebens.“
Juhani Pallasmaa

Durch die Gestaltung von Architektur liefern wir einen besonderen Ausdruck über das Bewohnen der Erdoberfläche. Trotzdem ist der Architekt, in Gegenteil zum Schriftsteller, Filmregisseur, Dichter, Fotograf oder Maler, wenig interessiert an dem Leben der Menschen. Nach Pallasmaa ist der Architektur autistisch und wird uns beigebracht, wie man Häuser entwirft, aber nicht ein Domizil.
Das Thema wird durch die Forschung nach einer Typologie und einer Intensivierung in der Literatur und Filme, erweitert. Durch die poetischen Bilder, die diese kulturellen Äußerungen produzieren, können wir die symbolischen Dimensionen von dem Leben und der Architektur erfinden. Indem man das Leben des Protagonisten betrachtet, erhält man einen vielseitigen Blick auf den Entwurf. Das Projekt fordert dazu auf, das Thema ‘Bewohnen’ individuell zu interpretieren. Es untersucht die Wirkungen und Mechanismen des Domizils als wesentliche und allgemein gültige Modalität des Bauens und zielt auf die Entwicklung einer gestalterischen Haltung in architektonischen Fragestellungen.
Dabei geht es nicht darum, generische fotografische Räume oder intellektuelle Experimente zu entwickeln. Vielmehr geht es um deren Interpretation von ‘Bewohnen’. Um diese zumindest punktuell möglichst weit zu treiben, können im Rahmen der Bearbeitung unterschiedliche Intensitäten der Vertiefung entstehen. Im sinnlichen Zusammenwirken von Raumformen, -typen und -proportionen mit Materialien, Oberflächen, aber auch Objekten,
Installationen und Möbeln, sollen zumindest einzelne Teile des Hauses spezifische Charakteristika in hohem Detaillierungsgrad herausgearbeitet und bildhaft realisiert werden.

Methode

Während des gesamten Semesters wird uns das Thema ‘Bewohnen’ begleiten.
Von Anfang an werden wir versuchen, das Thema mit verschiedenen Methoden und Techniken zu recherchieren, um dadurch eine Klarheit in der entwerferischen Absicht zu schaffen. Der Protagonist birgt die Möglichkeit, den Entwurf neu zu überdenken und bis dahin nicht konkret formulierte Lösungen zu erzielen.
Zu Beginn des Semesters beschäftigen wir uns intensiv mit Fragen über das Wohnen, die in weiteren Verlauf individuell vertieft werden. Eine Recherche nach der häufig vorkommenden Typologie von der Heimat läuft parallel zu dem Seminar, wobei hier fünf Vorträge von dem Italienische Schriftsteller Italo Calvino im Mittelpunkt stehen. Um die Poesie der Gewöhnlichkeit zu finden wird die typologische Forschung mit dem Protagonist verbunden.
Der Ansatz von dem Protagonist verlagert die Diskussion auf die Ebene der erlebbaren Qualitäten. Analysen und eine reflektierende Haltung zur Aufgabenstellung und zum Thema werden immer in kurzen Geschichten, bildhaften Medien und Modellen angefertigt. Das Entwerfen ist von Anfang an als synthetische Methode definiert.
Zu dem Kolloquium erwarten wir bildstarke atmosphärische Absichtserklärungen zur angestrebten Wirkung des Domizil in wechselnden Formen: Als Zeichnungen, großformatige Modelle, inszenierte Fotografien von Modellen und als kurze Geschichten. Alle Beteiligten sollen auf basis der zuvor durchgespielten Techniken zur Schlusspräsentation eigene Darstellungsstrategien entwickeln, die die spezifischen Qualitäten des betreffenden Projektes Rechnung tragen und dessen Wirkung transportieren.
In regelmäßigen Betreuungen werden wir diese Entwicklung unterstützend begleiten, wobei die Teilnehmer die Dialoge mit dem Protagonist überprüfen sollen. Als Leistung zur Endabgabe erwarten wir - abgesehen von detaillierten Plänen - eine intentionale Darstellung, die den spezifischen Qualitäten des betreffenden Projektes - im Sinne einer Geschichte und mit Hilfe von großformatigen Modellen - Rechnung trägt und die Idee von dem Bewohnen transportiert.

Ort

Der Ort wird nicht vorgegeben, sondern entsteht durch eine Recherche über Ihre Heimat. Ihre individuelle Herkunft ist der Ausgangspunkt Ihrer Kenntnisse über das Wohnen, eine Erfahrung, die für jeden unterschiedlich besetzt ist. Diese Herkunft wird in mehreren Teilen des Projektes die Grundlage für Ihre Forschungen sein.
In einer globalisierten Welt ist es wichtig, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen innerhalb Deutschlands, Europas oder der Welt zu erkennen. Lokale Varianten vom Wohnen sollen durch eine typologische Recherche registriert und miteinander verglichen werden. Dabei spielt die eigene Geschichte eine wichtige Rolle.
Das Grundstück für den Entwurf befindet sich auf Ihrem heimatlichen Boden. Durch die typologische Recherche in den Städten oder Dörfern, in denen Sie aufgewachsen sind, sollen Sie selber ein Grundstück entdecken. Das Grundstück wird dann der Ausgangspunkt für Ihren Protagonisten sein.

Aufgabe

Nicht jeder Architekt hat die Möglichkeit, mit Auftraggeber wie die ‘Gullichsen’, der ‘Fischer’ Familie oder dem ‘de Floriac’ zu arbeiten - Klienten mit spezifischen Gedanken über das Wohnen. Durch diese Gedanken und einem konstruktiven Dialog zwischen dem Architekten und dem Bauherren entsteht die Möglichkeit eine besondere Art des Bewohnens zu kreieren, wie zum beispiel: Villa Mairea, Haus Fischer und Maison a Bordeaux.
In dem Architekturstudium gibt es keinen Bauherren, mit dem man einen Dialog über die spezifische Art und Weise des Wohnens führen kann. Diese Möglichkeit wird durch die Einführung des Protagonisten erfüllt. Das bedeutet, dass jeder Student durch die Verwendung von Literatur an einen Dialog mit einem fiktiven Bauherren anknöpfen soll. Dieser fiktive Auftraggeber entsteht nicht als Metapher für einen Charakter, sondern soll entstehen durch eine Recherche innerhalb eines Themas, zum Beispiel über die Krankheit Parkinson.
Das jeweilige Thema des Protagonisten soll untersucht werden mit Hilfe von Filmen, Literatur und vielleicht anderen kulturellen Ausdrucksformen. Durch diese Recherche entsteht ein Tagesablauf, ein Plan, von den Wünschen des Protagonisten. Diese Bedürfnisse werden am besten ausgedrückt über kurze Szenarios und kleine Geschichten.
Für den Protagonisten soll eine Wohnung entworfen werden in Anlehnung an die Typologie seiner eigenen Heimat. Die Typologie soll den Entwurf nicht begrenzen, sondern diese mit den jeweiligen Grundbedingungen für das Wohnen füllen. Mit eine durch Entwicklung von ihre Heimat entsteht ein Domizil worin das leben und das Haus mit einander verbunden sind.

Seminar

Der italienische Schriftsteller Italo Calvino ist vielleicht der am häufigsten gelesene und meist empfohlene Autor innerhalb der Architektenschaft. In seinen Erzählungen über Marco Polo in ‘die Unsichtbaren Städte’ hat er seine Kulturkritik umgesetzt in ein modernes Märchen. Ein Märchen, welches -wie viele andere seiner Bücher- das Leben mit der geometrischen Rationalität von der Stadt verbindet.
Nicht ‘die Unsichtbare Städte’, oder ‘Marcovaldo’ sollen das Thema des Seminar werden, sondern Calvino’s Gedanken über Literatur. Im Jahr 1984 wurde Calvino offiziell von der Harvard-Universität eingeladen, die Charles Eliot Norton Poetry Lectures zu halten. Es handelt sich hierbei um einen Zyklus von sechs Vorlesungen, die im Laufe eines akademischen Jahres an der Harvard-Unitversitat in Cambridge, Massachusetts, gehalten werden sollen. Leider sind - bedingt durch seinen frühzeitigen Tod - nur fünf Vorträge fertig gestellt worden.
Diese fünf Vorträge, oder Notizen, schließen die Fragen nach den Qualitäten oder Eigenheiten der Literatur aus der Perspektive des neuen Jahrtausends ein. Die Themen sind: Leichtigkeit, Schnelligkeit, Genauigkeit, Anschaulichkeit und Vielschichtigkeit - sind aber nicht nur literarischer Natur, sie schließen auch die positive Kulturkritik ein, die unser Hauptthema über das Bewohnen benötigt.